Dorf Mulang – Ein chinesisches Kleinod in Kassel (Teil 1)
Nur wenige hundert Meter sind es von den Stufen von Schloss Wilhelmshöhe in Kassel zum Dorf Mulang auf der anderen Seite des Tals der Flora, benannt nach der römischen Göttin der Blüte. Kassels Landgraf, Friedrich II., hatte von hier aus noch einen ungestörten Blick auf die Ansammlung kleiner Hütten, Ställe und Werkstätten, aus denen sein Zierdorf bestand. Heute versperren Bäume den Blick. „Das sah hier zur Zeit Friedrichs II. alles ganz anders aus“, sagt Tim Schrader, als er vor dem Schloss steht. Der 29-Jährige kennt sich aus in der Geschichte des Dorfes Mulang. Als Mitarbeiter der Abteilung Bauangelegenheiten und Denkmalpflege der Museumslandschaft Hessen Kassel ist er Teil eines Prozesses, in dem es darum geht, die Bauwerke hier „so weit möglich zu erhalten und sofern erforderlich instand zu setzen“, wie es in der Sprache der Profis heißt. Im Dorf Mulang auf der Südseite des Tals der Flora kann man sehen, was es bedeutet, historische Gebäude zu erhalten und in ein großes Ensemble einzupflegen. Denn: Das Tal, das Dorf und auch das Schloss Wilhelmshöhe sind Teil des Bergparks Wilhelmshöhe in Kassel, einem künstlich gestalteten Areal um Schloss Wilhelmshöhe, das jedes Jahr zahlreiche Besucher anzieht.
Es führen verzweigte Waldwege vom Schloss in Richtung Dorf Mulang. Schlängelt man sich durch den Park hinüber zum Dorf, wird heute vor allem eines sichtbar: Wie sehr die Jahrhunderte alles hier verändert haben – und wie sehr sich gleichzeitig alles erhalten hat. Nach dem Ursprünglichen muss man freilich heute ein wenig suchen: Mulang, das klingt chinesisch und das Dorf ist eigentlich mal als Zierdorf im chinoisen Stil erbaut worden, wie es Mode war zur Zeit von Landgraf Friedrich II.. Ein Zierdorf ist das, was der Name sagt: eine Zierde. Herrscher schmückten damit ihren Besitz, bauten diese Dörfer als eine Art Museum, in dem das schon damals als romantisch angesehene Landleben nachgestellt wurde. Die Häuser sollten ursprünglich an das alte China erinnern, sie hatten geschwungene Dachgiebel und andere fernöstliche Zierelemente. Auf den ersten Blick springt heute vor allem die klassizistische Überformung ins Auge; gerade Linien, die sehr europäisch anmuten. Es ist daher schwer, einzuordnen, was Mulang eigentlich ist. Der „chinoise Stil“ umfasst nämlich nicht nur chinesische Elemente, sondern enthält so ziemlich alles, was damals als exotisch galt.
Tim Schrader kennt die Geschichte des Dorfes und zeigt bei einem Rundgang die kleinen Details. So gibt es im Dorf Mulang ein Milchhäuschen. Und tatsächlich, „hier wurde früher die Milch gelagert“, sagt er. Milch? Ja, denn das Dörfchen, wenn auch als Zierwerk gedacht, war bewohnt und wurde bewirtschaftet. Die Landgrafen ließen hier Menschen leben, die für sie das Landleben vorspielten – mit Vieh und allem Drum und dran – und so gleichzeitig die landgräfliche Tafel mit landwirtschaftlichen Produkten versorgten. Die Vorbilder dafür fanden sich damals in ganz Europa. Ein berühmtes dieser Dörfer gab es in Versailles, an dem Schloss des französischen König Ludwig XIV., das noch heute Synonym für einen Hang zum Außergewöhnlichen ist. Heute noch offensichtlich als exotisch erkennbar ist die Mulanger Pagode, eine Art kleiner Tempel. Sie steht mitten in dem Ensemble gedrungener Häuser, scheint die Zeit an sich abprallen zu lassen. Ihre geschwungenen Dächer verbergen nicht, dass die Erbauer ihre Inspiration damals aus China genommen haben – „auch wenn das Gebäude als solches eher wie ein griechischer Tempel wirkt“, sagt Schrader. Man bediente sich Vorlagen aus fremden Ländern, mischte diese aber mit vertrauten Baustilen. Und so wirkt Mulang heute noch immer so alltäglich-exotisch wie früher.
Dorf Mulang – Ein chinesisches Kleinod in Kassel (Teil 2)
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Veröffentlicht am 30.11.2020
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